Bandgeschichte – Band 2 – Tocotronic

tocotronic2.jpgIn unregelmäßigen Abständen stelle ich einige Bands aus der deutschen Musiklandschaft vor. Den Anfang machten Die Goldenen Zitronen und nun Tocotronic.

Alles was ich will ist / Nichts mit euch zu tun haben

Das ist natürlich leicht gesagt / Wenn man sowieso nicht dazugehört

Sich rar machen bringt ja nichts / Wenn es niemand merkt

Es gibt immer wieder Stimmen, die behaupten, die Deutschen könnten nicht singen. Zum Beispiel der Rolling Stone. Auf seiner Liste der 100 besten Sänger – Aretha Franklin (Platz 1), Bob Dylan (Platz 7), David Bowie (Platz 23) – taucht kein einziger Deutscher auf.

Daran ist Dirk von Lowtzow, Sänger der Hamburger Band Tocotronic, nicht ganz unschuld: nasal, gequetscht und schief klingt sein Gesang, und er wäre sicher nicht böse, wenn ihm ein Fan beim Joggen im Berliner Friedrichshain auflauert – mit einem großen Schild: „Gebe kostenlos Gesangsunterricht, Dirk!“

Vielleicht gerade weil er nie singen konnte und die Musik aus Gitarre, Schlagzeug und Bass immer so unschuldig schludrig gespielt war, wurden Tocotronic Mitte der 90er zu Idolen. Ihr Style aus Trainingsjacken, Cordhosen und Saitenscheitel, der eine ganze Modegeneration prägte, war nur ein äußerliches Merkmal für eine innere Haltung, die Dirk von Lowtzow mit seinen Texten einfing. Texten, die wie auf die Ecke eines Papierfetzens gekritzelt klangen.

Gitarrenhändler ihr seid Schweine
Gitarrenhändler ich verachte Euch (zutiefst)
(“Hamburg rockt”, 1995)

In der Schlichtheit der Sprache steckte eine Wahrheit, die ohne Symbole und pseudointellektuelle Kodifizierungen funktionierte, eine Gültigkeit, die über das einzelne Gitarrenhändlerschwein hinausging. Vielleicht war es das, womit die Hamburger nicht nur Großstadtseelen, sondern auch Dorfdiskogemüter erreichten. Ein Song war ein Song war ein Song. Da musste man auch im Aufbau nicht krampfhaft originell sein. Tocotronic hatten nie das Gefühl sich ändern zu müssen. Den von den Medien geschaffenen Begriff der “Hamburger Schule”, von denen neben ihnen auch Blumfeld und die Sterne an Berühmtheit erlangten, ironisierten oder ignorierten sie.

Erst als zur Jahrtausendwende Bands wie Kettcar und Tomte sie zu kopieren versuchten, brachen sie mit ihrem Stil, schufen erstmals Bilder und Assoziationen und ließen sich auf „K.O.O.K.“(2000) kurzzeitig von Krautrockbands wie Canbeeinflussen. Auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) wurden Tocotronic mit monotonen Gitarren, Hall und einem deliriumsartigen Gesang melodiöser, mystisch, fast hypnotisch. Eine Gradwanderung zum Kitsch war das zwar, aber klare Aussagen blieben dennoch: „Aber hier leben, nein danke“ sangen sie und grenzten sich, wie zuvor schon oft, von der Deutschtümelei ab, die Bands wie Mia entfacht hatten. So auch letzten Herbst, als am Tag der Deutschen Einheit MTV deutsche Songtexte, auch von Tocotronic, zu „Heimatmelodien“ kürte. Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir nichts, aber auch gar nichts von unserer Teilnahme an dieser höchst zweifelhaften Aktion gewußt haben und wir auch nichts von solchen heimatduseligen Lyrikwettbewerben halten.

Klare Aussagen in einer komplizierter werdenden Welt. Die wüscht man sich heute noch – auch ohne Trainingsjacke.

Irgendein Fan hat Dirk von Lowtzow mittlerweile Gesangsunterricht erteilt, aber auf die Liste der 100 besten Sänger wird es nicht mehr schaffen. Gott sei Dank. Denn pure Vernunft darf niemals siegen.


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Tocotronic für Anfänger: Digital ist besser (1995)

Tocotronic für Fortgeschrittene: Kapitualion (2007)

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