Langweilig und gefährlich – Christian Heller feiert die „Post-Privacy“

„Erst einmal in der Sichtbarkeit, sind Deine Tage gezählt.“ So schrieb das im Sommer 2011 das Unsichtbare Kommittee, ein Autorenkollektiv aus Frankreich, in seinem auch von bürgerlichen Medien wie SZ und FAS gefeierten Flugblatt „Der kommende Aufstand“.

„Erst einmal in der Sichtbarkeit, werden wir viel freier.“ So hingegen könnte das Fazit von Christian Heller klingen, dem selbsternannten Verkünder der Post-Privacy. Post-Privacy ist zunächst eine zutreffende Beschreibung unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in der nicht nur wir selber den digitalen Exhibitionismus betreiben, sondern auch der Staat stille SMS verschickt, das iPhone Bewegungsprofile von uns anlegt, Google unsere sexuellen Vorlieben entschlüsselt und Facebook unsere Gesichter biometrisch vermisst. Post-Privacy ist für Christian Heller aber vor allem Lifestyle: „Prima leben ohne Privatsphäre“ lautet deshalb der Untertitel seines Buches.

Heller träumt darin naiv von einer transparenten Gesellschaft, in der jeder alles über jeden weiß. Privatsphäre sei heute im Gegensatz zu früher total überschätzt, Kontrollverlust hat enorme Vorteile, und wir müssen nur Taktiken entwickeln, die Gesellschaft noch transparenter zu machen.

Heller lässt große Namen fallen, spricht von dem französischen Philosophen und Poststrukturalisten Michel Foucault, zitiert den amerikanischen Soziologen Richard Sennett und lässt oft das Wort „Macht“ fallen.

Doch gerade die Machtfrage ist es, die Heller komplett unterschätzt. „Das ist total uninteressant“, findet deshalb zu Recht eine Zuschauerin im Anschluss an die Lesung und zuckt mit den Schultern. Doch „uninteressant“ heißt in dem Fall eher „gefährlich“. Denn es gibt keine Ordnung, ohne eine hegemoniale Ordnung. Auch unter vermeintlich Gleichen wird immer eine Partei die dominierende sein. Und seien es die  „rebellischen Datenguerilleros“, die Heller sich wie ein naives Kind erträumt, die Staaten und Privatunternehmen ebenfalls durchleuchten. Dass auch das ein elitärer Zirkel bleibt, der das Wissen und damit die Macht in Händen hält, verkennt er. Sepp Huber und Lischen Müller beobachten nicht, sie werden beobachtet.

Heller unterschätzt auch das Diktat des Mainstream. Angeblich fordere die totale Transparenz dann von der ganzen Welt mehr Toleranz, auch gegenüber Minderheitenmeinungen. Doch „dem Homosexuellen auf Jamaica bringt es nichts, dass er einen ebenfalls homosexuellen Freund in New York hat, wenn seine Nachbarn in Jamaica in wegen seiner Homosexualität umbringen.“, kontert ein Zuschauer. Minderheiten brauchen Rückzugsräume, brauchen queer-feministische Wagenplätze oder Gay Nights in der Großstadt. Minderheiten brauchen Räume der Gegenhegemonie. Räume, in denen sie ihre Ansichten zunächst erproben und erst in einem nächsten Schritt nach draußen an die Öffentlichkeit treten.

Rückzugsräume für eine Gegenöffentlichkeit gibt es in Hellers Post-Privacy-Utopie nicht. Das ist nicht nur langweilig, sondern gefährlich.

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