Leise und sachlich – Camila Vallejo in München

Ihren Auftritt hatten sich die meisten Zuschauer_innen im überfüllten DGB-Haus anders vorgestellt. Lauter, schärfer, irgendwie „revolutionärer“. Denn die chilenische Studentenführerin Camila Vallejo gilt als charismatische und präsente Symbolfigur der Bildungs- und Sozialproteste, die seit letztem Jahr Chile in Unruhe versetzen. Stattdessen überraschte die 23-jährige Geografiestudentin Camila Vallejo und ihre beiden Begleiter, die Aktivistin Karol Cariola und der Gewerkschaftsführer Jorge Murua. Nüchtern sprachen sie über die Folgen von Neoliberalisierung und Privatisierung für das Bildungs- und Sozialsystem. Sie wollten die Deutschen auf ihrer zehntägigen Tour vor allem wissen lassen, dass die Medien nach wie vor verschweigen, dass in Chile nicht nur Studierende protestierten, sondern vor allem auch die Arbeiterschaft.

Es war ein leiser Auftritt, unaufgeregt und sachorientiert. Camila Vallejo fühlte sich in ihrer Rolle als Anführerin ohnehin sichtbar unwohl und hielt sich zurück. Laut und revolutionär wurde es nur kurz, als einer der Initiator_innen der Tour an den ehemaligen chilenische Präsidenten und Sozialisten Salvador Allende erinnerte. Die große Solidarität, die ihm in Europa nach dem Putsch zuteil wurde, gebüre ihm noch heute. Und die aktuellen chilenischen Protestierenden stünden in dieser Traditon und genossen die gleiche Solidarität, was das Publikum ermunterte, ganz „revolutionär“ die Internationale Solidarität auszurufen.

Ob sich die Bewegung in Zukunft auch parlamentarisch organisieren werde, lautete eine der zum Glück geschlechtergerecht quotierten Publikumsfragen. Das sei unklar und momentan der entscheidender Diskussionspunkt. Unklar auch die Antwort auf eine Frage nach der „Alternative“, die die Bewegung anstrebe. Obwohl sich zumindest Camila Vallejo als Kommunistin bezeichnet, lautete die Antwort hier, dass man ein Rezept nicht habe, aber Steuer- und Sozialreformen notwendig seien. Waren zu radikale Antworten hier gefährlich? Oder dem deutschen Publikum nicht zuzumuten? Oder war man nach zehn Tagen einfach nur müde wie eine Punkband am Ende ihrer Tour? Die Antworten blieben mitunter vage.

Eine Antwort aber hatten sie. Ob sie keine Angst hätten nach Chile zurückzukehren und Repressalien ausgesetzt zu sein, wollte eine junge Frau wissen. Nein, so Jorge Murua – und spätestens hier wurde den circa 400 Zuschauer_innen im Saal klar, dass es nicht um die Inszenierung, sondern die Sache ging – der Kampf würde auch ohne sie weitergehen.

Advertisements

2 Kommentare on “Leise und sachlich – Camila Vallejo in München”

  1. Carlos Welch sagt:

    Das lateinamerikanischen RevolutionführernInen laut und schraf sein müssen, passt mit das Bild, womit die Medien lateinamerika vermarkten. Die Wirklichkeit ist anders. Das chilenische Volk hat hinter sich eine schmerzhafte Erfahrung ende der 60er ampfang der 70er erlebt, wo nach eine Spirale der Konfrontation ein blutiger Putsch erstanden ist. Heute in Chile mit laut und schrafe Parolen nur junge Randalieren man/frau begeistern kann. Um eine richtige Demokratie zu ereichen weiss ganz genau Camila, dass sie nur durch überzeugende Argumentationen die breite masse der Bevolkerung hinter der Ziele der Studierende gewinnen kann.
    Um Camila Vallejo besser zu verstehen muss man an Marina Weissband denken. Es giebt sehr viele ähnlichkeiten zwieschen diese beide junge Frauen. Beide bekommen eine grosse Aufmerksamkeit durch ihre ruhige Eloquenz, wobei das Gutaussehen auch eine Rolle spielt.
    Nach so viel Medienrumel beide am ende vollkomen erschopft sind. Marina nähmt sich einfach eine Pause, Camila, die noch länger und intensiver als sie mitmacht, hat auch bitter nötig eine Pause, was sie bisher sich nicht gegönnt hat. Argentinische Journalisten die für ein Artikel Camila einige Tage in August begleitet haben, gaben den Artikel den Titel „Camila Rennt“ in bezug auf Franka Potentes Film. Jetzt in Deutschland 10 Städten in 10 Tagen sind nicht grade eine erholungs Urlaub. Dies alles kann auch in teil erklären Camilas leise Aufträten.

    • julia sagt:

      Danke für den Hinweis, ich wollte auch genau darauf hinweisen: dass es schön ist, dass Camila Vallejo nicht dem Klischee entspricht, das die Medien von ihr zeichnen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s