Weiblich, männlich, anders – Ethikrat nimmt Stellung zu Intersexualität

„Wir wissen, dass dieser Vorschlag kulturell, gesellschaftlich sehr viele Fragen aufwerfen wird.“ So die Selbsteinschätzung des Deutschen Ethikrats hinsichtlich seines Vorschlags zur Änderung des Personenstandsregisters, einem der entscheidenden Punkte der Stellungnahme zur Intersexualität, wonach Menschen künftig zwischen den Kategorien „weiblich“, „männlich“ und „anders“ entscheiden können sollen. Die Folgenabschätzung dieses Punktes ist vorsichtig formuliert, aber sicher richtig. Sollte die Bundesregierung dem Vorschlag des Ethikrats folgen, wäre die Einführung eines dritten Geschlechts tatsächlich weitgreifend. Nicht nur für die Rechte von intersexuellen Menschen, sondern für ein ganzes dichotomes Weltbild.

In welchen Sportunterricht geht ein Kind? Muss ein junger Erwachsener zur Bundeswehr? Wann unterliegt ein Intersexueller den bisher nur für Frauen geltenden Arbeitsschutzrechten? Darf ein intersexueller Mensch katholischer Priester werden?

Diese Fragen hätten unmittelbar weitere Fragen zur Folge: Wenn ein intersexueller Mensch katholischer Priester werden kann, warum kann dann keine Frau katholische Priesterin werden? Ein drittes Geschlecht würde sich auf die Rechte von Frauen und andere in der heteronormativen Gesellschaft diskriminierte Gruppen auswirken.

Wie unterscheidet die Regierung in Zukunft Ehe und Lebenspartnerschaft? Denn der Ethikrat schlägt vor, für Intersexuelle nur die Lebenspartnerschaft, nicht aber die Ehe zuzulassen. Das kann nur zwei Folgen haben. Schließt sich die Regierung diesem Rat an, stellt sich die Frage, ob bereits geschlossene Ehen mit Intersexuellen dann ungültig sind. Lässt die Regierung aber Ehen mit einem intersexuellen Teil zu, warum verbietet sie dann die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen? Und was ist erst mit der Ehe zwischen zwei Intersexuellen?

Spannende Fragen und Konstellationen tun sich auf. Sofern sich eine aktuelle oder künftige Regierung tatsächlich dem Ethik-Rat anschließen und es sich hierbei nicht nur um eine in den Ethikrat ausgelagerte Scheindebatte handelt.

Lucie Veith jedenfalls, erste Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen, begrüßt, dass sich der Ethikrat mit dem Thema beschäftigt hat. Ausführlich hat er Intersexuelle, Angehörige, Ärzt_innen, Psycholog_innen, Jurist_innen, Sozialwissenschaftler_innen angehört. Die Betroffenenvertreterin bezeichnet die Stellungnahme als „einen bedeutenden  Schritt auf dem Weg der intersexuell geborenen Menschen zu  ihren Menschenrechten und ihrem gleichberechtigten Platz  in der Gesellschaft“.

Sie bedauert aber, dass der Ethikrat nach wie vor Intersexualität vor allem aus medizinischer Perspektive betrachtet, obwohl in den meisten Fällen keine medizinischen Probleme bestehen. Auch dass der Ethikrat Eingriffe im Kindesalter nicht verbieten lassen möchte und kein verpflichtendes Moratorium, d.h. eine verpflichtende Warte- und Beratungszeit vorschlägt, steht weiterhin in der Kritik. Einer Gleichstellung von Intersexuellen kommt die Stellungnahme nicht nach.

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