Bandgeschichte – Band 1 – Die Goldenen Zitronen

goldenezitronenIn unregelmäßigen Abständen stelle ich hier Bands aus der deutschen Musiklandschaft vor. Den Anfang machen Die Goldenen Zitronen.

Es geht gut, liebe Mutter, mach Dir keine Sorgen / die verdammte Welt schiebt ihr Wägelchen ja doch weiter durch den Kalendar

Vom Fun-Punk zum Intellektuellen-Scheiß!

Weniger ernst nehmen als DIE GOLDENEN ZITRONEN kann man sich nicht. Gerade gab die Band einen Dokumentarfilm in Auftrag: Filmemacher Peter Ott sollte ein Portrait über sie machen. Die einzige Bedingung, die die Band stellte: die beiden Köpfe der Band Schorsch Kamerun und Ted Geier dürften nicht darin vorkommen! Warum? Weil – so sie selbst – die beiden als Sänger und Texter eh immer zu Wort kämen. Also inszenierte der Filmemacher einfach ein Interview. Dazu setzte er seinen 85jährigen Schwiegervater in einen Sessel, der die beiden spielte, man beachte: der gleiche alte Mann spielte beide (!). Die Ästhetik des Films ist ansonsten geprägt von Wackelkamera und grottenschlechtem Sound. Der Zuschauer erkennt: hier wird absolutes Understatement gepflegt – bei gleichzeitigem enormen Selbstbewusstsein. Bei der Filmpremiere in Berlin Ende 2008 zeigte sich nicht nur Gaier begeistert, sondern die ganze versammelte Fangemeinde inklusive der einschlägigen Musikpresse.

Als DIE GOLDENEN ZITRONEN 1984 entstanden, dachte vermutlich keines der Gründungsmitglieder, dass sie mal zum Liebling der Intellektuellen werden könnten. Mit provokanten Sprüchen und krachenden Bühnenauftritten in Frauenkleidern soffen sie sich zusammen mit den TOTEN HOSEN durch westdeutsche Jugendzentren. Und hatten damit auch schnell Erfolg. Doch bald bestand ihr Publikum mehrheitlich nur noch aus proletigen Schnauzbartträgern, und sie sahen sich gezwungen, ihre Texte und Musik zu verändern. Nach dem Hit „Für immer Punk möchte ich sein“ und dem Album „Fuck You“ mischten sie den Fun-Punk mit Garagenrock, Noise- und Hip-Hop-Elementen.

Ihr Schicksal, von Meinungsmachern eingenommen zu werden, die ihnen nichts galten, setzte sich fort. Deals mit großen Plattenfirmen lehnten sie ab und verfolgten somit nicht den Weg, den die TOTEN HOSEN gingen. Eine Kombination aus Konsum und Musik wollten sie nicht. Und hier, wo es um den Lebensunterhalt der Berufsmusiker ging, zeigt sich: ihre Ablehnung von mächtigen Meinungsmachern und einer unkritischen Konsensgesellschaft ist keine Attitüde, sondern reine Überzeugung. Zu allem Überfluss galten sie plötzlich auch noch als Vorläufer der „Hamburger Schule“, der weitreichenden deutschsprachigen Musikszene mit Mitgliedern wie BLUMFELDDIE STERNE und TOCOTRONIC, die mitunter möchtegern-intellektuelle Nachläufer hatten.

Der ZITRONEN-Liebhaber von heute darf es als glückliche Ereigniskette betrachten, dass diese Versuche von Vereinnahmungen die Band zu immer verquereren und experimentelleren Texten und Musikstilen trieben. „Eine aufgeladene Prepaidkarte macht noch keinen eingeladenen Freundeskreis“ – selten werden einem die asozialen Strukturen der Konsumwelt so geschickt vor Augen geführt. Ebenfalls eine Textzeile aus dem Song „Mila“„keiner hält seine Hände mehr in die Luft, längst schon sind die Jüngeren die Älteren“ -ein Abgesang auf eine neokonservative Jugend, deren Vertreter im Alter von 15 ihre Karriere planen und Rhetorikseminare besuchen.

Die einzige Gruppe, von der sich die von Anfang an ausschließlich aus Männern bestehende Band in Beschlag nehmen lässt, sind feministische Frauenbands. Indem sie auf den Alben „Schafott zum Fahrstuhl“ (2001) und „Lenin“(2006) mit denCHICKS ON SPEEDFRANCOISE CACTUS und PEACHES zusammenarbeiteten, trotzten sie fortan der Männerdomäne „Rockmusik“.

Erwartungen durchbrechen scheint nicht Absicht, sondern innere Notwendigkeit zu sein. In einer Zeit von Brutalo-Musikvideos und pornographischen Texten beantwortet die Band die oft gestellte Frage, wie man heute noch provozieren kann mit dem Song „Flimmern“: „Was sollen die Nazis raus aus Deutschland? Was hätte das für `n Sinn? Die Nazis können doch nicht raus. Denn hier gehören sie hin!“ Und kehren so mit der Provokation des linken Establishment zum Ursprung des Punk zurück: angeekelt von der zugedröhnten Selbstzufriedenheit und ewigen Selbstreflexion der Hippies, kokettierten Anfang der Siebziger ein paar englische Kids mit Nazisymbolen und politisch unkorrekten Statements, stellten sich damit auf die Bühne und schufen den Punk.

Die Goldenen Zitronen – Flimmern

Die GOLDENEN ZITRONEN leben heute noch – vielleicht als einzige in Deutschland – dessen Reinform. Politisch – und politisch inkorrekt! Krachend – und intelligent! Selbstbewusst – und selbstironisch! Aber immer – unangepasst.

Deswegen war auch dieses neue Bandportrait notwendig. Zwar hatte bereits 2003 der Filmemacher Jörg Siepmann die Dokumentation „Golden Lemons“ über die USA-Tour der Band gedreht: mit einer Spielfilmkamera, lehrbuchartigen Einstellungen, harmonisch dazwischengeschnittenen Interviewpassagen und einem filmschulischen Spannungsbogen, in dem er von „Girlie-Groupies“ und dem „Kampf um Anerkennung“ sprach“. Doch die Band lehnt den Film bis heute ab, er zeige ein von Clichés und Banalitäten vorgeformtes Amerikabild und ignoriere das Selbstverständnis der Band, was ihnen „die Galle hochkochen“ ließe. Mit dem neuen Film von Kumpel Peter Ott mit seiner Wackelkamera und seinem Schwiegervater als Protagonisten haben DIE GOLDENEN ZITRONEN nun ein adäquates Bild von sich geschaffen. Humorvoll und dilettantisch. Es hat den schlichten Namen: „ÜBRIGGEBLIEBENE AUSGEREIFTE HALTUNGEN.“ Wer seinem Film so einen Titel gibt, will keine Anpassung.


Dokumentarfilm // Die Goldenen Zitronen

Was: Übriggebliebene ausgereifte Haltungen

Wann: ab dem 6.11.08

Wo: Lichtblick-, Eiszeit-Kino

Peter, Du machst Scheiß-Filme.

Wackelkamera, schlechter Ton, Lücken, Patzer. So was hat man noch nicht gesehen. RegisseurPeter Ott hat einen klassisch dilettantischen Dokumentarfilm über die Goldenen Zitronen gemacht. Ganz in Zitronen-Manier fehlt alles Erwartbare. Sogar die beiden Köpfe der Hamburger Band Ted Gaier undSchorsch Kamerun. Weil die beiden – das verriet Ted Gaier gestern bei der Premiere des Films im Arsenal-Kino – eh immer im Mittelpunkt stehen, wollten sie in diesem Auftragswerk lieber gar nicht vorkommen. So ist der einzige O-Ton von Kamerun: “Peter, Du machst Scheiß-Filme. Lass mich in Ruhe.”

Dafür kommen alle anderen ehemals oder noch Beteiligten und Freunde der Band zu Wort. Ale Sexfeind, der erzählt, wie er “rausgemobbt” wurde. Julius Block, der als Thomas Wenzel bei den Sternen spielt und bedauert, dass man heute leider nicht mehr einfach aus einer Band aussteigen kann. Mense Reets von Egoexpress, Francoise Cactus von Stereo Total und Hans Platzgumer. Melissa Logan vonChicks on Speed, die auch an dem Album “Lenin” beteiligt war oder Daniel Richter, der ehemalige Manager der Zitronen und heute gefeierte Maler der Leipziger Schule, der das Cover zu “Lenin” machte. Und weil Kamerun und Gaier nicht reden, lässt Peter Ott die beiden einfach von seinem 80jährigen Schwiegervater spielen. Der Film erzählt chronologisch – und das ist die einzige Orientierung, die man hat – die “Geschichte” der Band und warum sie sich gegen den Fun-Punk und für experimentellerere Texte und Arrangements entscheiden musste.

Nicht nur inhaltlich besticht der Film, sondern auch aufgrund seiner filmischen Erhlichkeit. Kein 16:9, sondern 4:3, der Autor versteckt sich nicht, sondern stolpert einfach mit seiner Kamera durch die Gegend, und es kommt hier kein Filmteam mit einem vorgefertigten Konzept, das alle Bider schon vor Drehbeginn festgelegt hat, sondern ein Typ, der die Kamera auf das hält, was passiert. So werden Dokumentarfilme gemacht. Das möchte man sehen. Übrigens ganz im Sinne sozialistischer Dokumentarfilmer wie Jürgen Böttcher und Thomas Heise. Und eben im Sinne des Punk. Keine Proben. Kein Konzept. Einfach los. Ehrlich und schön.