Fritz Stern entzaubert sich selbst – Rückblick auf Münchner Vortrag

Eigentlich hatte der Historiker Fritz Stern am Montagabend einen persönlichen und deshalb vielversprechenden Einstieg geliefert. Für ihn selbst, der 1938 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA geflohen war, sei das „Land der Freiheit“ seit seiner Ankunft verheißungsvoll gewesen, der Inbegriff von Träumen und Wundern. Nun mache es ihn traurig, zu sehen, dass die USA an ihrem eigenen Anspruch gescheitert seien. Dem Anspruch, universelles politisches, moralisches und wirtschaftliches Vorbild zu sein.

Doch das Fragezeichen im Titel des Vortrags „Entzaubertes Amerika?“ deutete schon an, wie relativ seine Abkehr vom einstigen Vorbild war. Erwartbar kritisierte er die Politik von George W. Bush, die vorgetäuschten Gründe für den Irakkrieg 2003, die in US-Gefängnissen geübte Folter, die gefährliche Vermischung von Politik und Religion, die Verdummung der Bevölkerung, den von Fox News geführten Informationskrieg und die Politikverdrossenheit, die aus der Erkenntnis der Menschen resultiere, dass Korruption, Gier und Geld die Politik bestimmen.

Eine systematische Analyse aber, warum die Menschen ihre Häuser verloren, warum sie sich von einer demokratischen Teilhabe entfernt und vom Staat entfremdet haben, lieferte er nicht. Immerhin betonte Stern, was der eigentliche amerikanische Gemeinschaftssinn sei: das Ringen des Individuums nach Wohlstand und Eigentum. Was aber fehlte, war die sich daran anschließende Überlegung, ob nicht eine Ideologie, die die Konzentration des Einzelnen auf sein Schicksal in den Mittelpunkt stellt, mitursächlich für das Scheitern einer Gesellschaft sein könnte. Ob es nicht im liberalen Gesellschaftssystem selbst begründet liegt, dass die USA weder sozio-moralisch, noch wirtschaftlich, sondern lediglich noch militärisch überlegen sind.

Stattdessen lieferte Stern nur eine wenig systematische Aufzählung der fehlerhaften Politik der letzten 10 bis 15 Jahre. Und schwächte schließlich seine an Max Weber angelehnte These der Entzauberung ab. Wirklich im Niedergang begriffen seien die USA schließlich doch nicht, die politischen Gegengewichte seien zwar gering, aber die Innovationskraft  und die weltwirtschaftliche Vorbildsrolle bleibe bestehen. Schließlich sei, so Stern, die „Entzauberung“ auch gar nicht negativ zu werten, sondern als Chance, die USA nun endlich unverklärt zu betrachten.

So mündete ein vielversprechender Einstieg und ein verheißungsvoller Titel in eine unumstrittene Tatsachenbeschreibung und einen halbherzigen Optimismus. Verzaubertes Auditorium? Nein!

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